Hundertmal, von Blatt zu Blatt, wenn man Montaigne aufschlägt, hat man das Gefühl, nostra res agitur (Unsere Sache wird verhandelt), das Gefühl, hier ist gedacht, besser und klarer, als ich es selbst sagen, und deutlicher, als ich es denken konnte, was die innerste Sorge meiner Seele ist in dieser Zeit. Hier ist ein Du, in dem mein Ich sich spiegelt, hier die Distanz aufgehoben, die Zeit von Zeiten trennt. Nicht ein Buch ist mit mir, nicht Literatur, nicht Philosophie, sondern ein Mensch, dem ich Bruder bin, ein Mensch, der mich berät, der mich tröstet und befreundet, ein Mensch, den ich verstehe und der mich versteht. Nehme ich die Essais zur Hand, so verschwindet im halbdunklen Raum das bedruckte Papier. Jemand atmet, jemand lebt mit mir, ein Fremder ist zu mir getreten, und kein Fremder mehr, sondern jemand, den ich fühle wie einen Freund. 400 Jahre sind wie Rauch; es ist nicht der Seigneur de Montaigne, der gentilhomme de la chambre (der Kammerherr) eines verschollenen Königs von Frankreich, nicht der Schlossherr aus Périgord, der zu mir spricht; er hat die weiße gefältelte Schaube abgelegt, den Spitzhut, den Degen, er hat die stolze Kette mit dem Orden des St. Michel vom Halse genommen. Er ist nicht mehr der Bürgermeister von Bordeaux, der bei mir zu Besuch ist, nicht der gentilhomme und nicht der Schriftsteller. Ein Freund ist gekommen, mich zu beraten und von sich zu erzählen. Manchmal ist in seiner Stimme eine leise Trauer über die Gebrechlichkeit unseres menschlichen Wesens, die Unzulänglichkeit unseres Verstandes, die Engstirnigkeit unserer Führer, den Widersinn und die Grausamkeit unserer Zeit, jene edle Trauer, die sein Schüler Shakespeare gerade den liebsten Gestaltern Hamlet, Brutus und Prospero so unvergesslich mitgegeben. Aber dann spüre ich wieder sein Lächeln: warum nimmst du dies alles so schwer? Warum dich anfechten und niederbeugen [lassen] von dem Unsinn und der Bestialität deiner Zeit? All das rührt doch nur an deiner Haut, an dein äußeres Leben, nicht an dein innerstes Ich. Das Außen kann dir nichts nehmen und kann dir nichts verstören, solange du dich nicht selber zerstören lässt.

Stefan Zweig